WIENER BLUT

Fotos: Barbara Palffy

 

Koproduktion von daskunst & Theater SHOWinisten – Jan. 2011 – 3raum Anatomietheater

 

Mit: Kaoko Amano, Eri Bakali, Patrick Bongola, Blair Darby, Oktay Güneş, Alev Irmak, Marko Kölbl, Hannes Lengauer, Lucy McEvil, Bernhard Mrak, Susanne Rietz, Eva Schuster, Sascha Tscheik, Mathias Wiltsche | Leitung/Regie: Aslı Kışlal und Hubsi Kramar | Produktionsleitung: Alexandra Reisinger | Choreografie: Susanne Rietz | Musik: Uwe Felchle, Martin Kratochwill, Marko Kölbl, Umut Akar, Hasan Öksüz, Münnür Tunç | Technik: Markus Liszt | Video, Animation: Bernhard Mrak, Patrick Bongola | PR: gamuekl | Grafik Wiener Blut: Eva Schuster | Flyerfoto: Peter Hirsch | Stückfotos: Barbara Palffy | gefördert von Wien Kultur, BMUKK

 

“Wiener Blut” ist ein besonderes Juwel unter den Schätzen österreichischen Musikschaffens.

Um sich einzuschleimen und ihre Anpassungsfähigkeit und Integrationswillen unter Beweis zu stellen, präsentiert sich eine kuschelige Migranten-Kompanie, die mit totalem Einsatz dieses Juwel so operrettet wie es keine Heimattruppe artentfremdeter schmachtfetzen walzern könnte.

Wird so ihre drohende Abschiebung verhindert werden können? Das werte Publikum wird gebeten, die Steinschleudern an der Garderobe abzugeben. Wir schreiben das Jahr 2015 und die Freiheitliche Regierung hat es zu ihrem ersten Jahrestag endlich geschafft, die Versäumnisse linker (Basis-) demokratischer Auswüchse auszumerzen: die Kulturnation Großösterreich kann aufatmen, die demagogische Wirkung von Kunstprojekten auf die Massen der KonformistInnen wurde wieder-erkannt und Vergnügungsveranstaltungen budgetär massiv aufgewertet. Damit das alles im Sinne der besonderen österreichischen Identität geschieht, hat Österreich endlich wieder eine Theaterpolizei, die zum Wohle des Publikums alles Andersartige mit Migrationshintergrund -Akzent von der Bühne abführt, zum AMS schickt oder gleich abschiebt – nur wohin ist die Frage bei in Österreich geborenen “Gebürtigen Ausländern”.

Die daskunst-SchauspielerInnen haben sich nicht abschieben lassen und sind vom Arbeitsamt wieder auf die Bühne zurück geflüchtet. Die Bedingungen für ihre Integration auf österreichische Bühnen sind ein Walzerkurs, Gesangsstunden und das erste Stück ist vorgegeben: die Arbeit an der Strauss-Operette soll den daskunstlerInnen das Wiener Blut von außen zuführen und gleichzeitig das genusssüchtige Publikum befriedigen, denn immerhin erweckt die Operette sogar jeden an Wohlstand Erkrankten. Regie führt Big Brother, Aslı Kışlal darf als Tontechnikerin im Theater bleiben, Hubsi Kramar (durch seine Performance als Adolf H. kann ihm die Theaterpolizei nichts anhaben) gab daskunst Asyl, weil ihn Wiener Blut immer interessiert.

Aber das Ganze ist kein Spaß – zumindest nicht für daskunst, die Darstellenden spielen um ihr Leben, um weiterhin spielen zu dürfen und nicht wieder zum AMS oder sonst wohin geschoben zu werden. Aber das tolerante Publikum ist natürlich eines: tolerant = nachdem der Schwarze seinen positiven Abschiebebescheid in seine Schubhaftzelle geschickt bekommen hat, darf er das Publikum noch mit einem letzten Lied rühren, denn so eine kurze Darstellung eines exotischen Tiers kann der wieder-erstarkten Leitkultur wirklich nichts mehr anhaben. Durch die österreichische Kultur wurde die Kunst gereinigt. Es lebe Österreich und die Österreicher! Übrigens: im Ausland ist nichts Österreich-bewegendes passiert.

 

“Das Regieteam Aslı Kışlal und Hubsi Kramar verbindet gekonnt Szenen dieser wahnwitzig wirren Operette […] Das Konzept “Wiener Blut” als entlarvende Satire geht auf, befreiendes Lachen begleitet durch den Abend, bis es bei der letzten Szene doch im Hals stecken bleibt.”
(Wiener Zeitung)

“Die Darsteller singen und tanzen mit Herzblut und Witz, trotzdem bleibt das Stück bis zum Schluss in Operettenmanier an der Oberfläche.”
(Falter)

“Die titelgebende Strauß-Operette, deren Text durch den Kakao gezogen wird, dient nur teilweise als Angelpunkt, um unterschiedliche Aspekte der Integrationsdebatte durchzuspielen. […] Alle 18 Schauspielerinnen und Schauspieler sind beeindruckend, wobei noch Lucy McEvil durch erotische Ausstrahlung und ihren Gesang hervorsticht.”
(Informationen aus Österreich)

“Die Sprache zu können ist ja vielen noch immer zu wenig, “sie müssen sich auch unserer Kultur anpassen” verlangt die “Volksseele”, namentlich jene, die verlangen, das “Wiener Blut” müsse “rein” bleiben, dürfe sich ja nicht vermischen… Naja, dies nahmen zwei Theatergruppen zum Anlass um eine rasante, witzig-freche, viel Lachen – das dann mitunter im Hals stecken bleibt – provozierende Show zu inszenieren: Wiener Blut – Oper-rette sich wer kann”.
(Kurier)

“Die multikulturellen Akteure dieser Koproduktion mit dem Verein daskunst sind souverän und professionell, sie singen, tanzen, spielen. Politisches Theater heute müsste dennoch intelligenter, subtiler, ironischer sein. Die Talente der Künstler hätten dafür reichlich Inspiration geboten: Der Kongolese Patrick Bongola etwa ist Frontman der Hiphop-Band Tres Monos, die japanische Sopranistin Kaoko Amano engagiert sich für Neue Musik, der schwarze Brite Blair Darby ist Tänzer, Jazz-Choreograf. Was hätte man statt bloß TV-Formate zu parodieren mit echtem Erfindungsgeist aus diesem Ensemble machen können, ganz ohne den abgelutschten Slogan Wiener Blut”.
(Presse)