POLITIK MICH DOCH AM ARSCH

Fotos: daskunst

 

Die Fortsetzung von Kultur mich doch am Arsch – Jun. 2010 – Theater des Augenblicks

 

Mit: Bernhard Mrak, Erdoğan Yildiz, Oktay Güneş, Susanne Rietz, Patrick Bongola, Erika Bakali, Ulrike Hübl | Regie: Ellen Smithee | Spin-Doc: Aslı Kışlal | Produktion: Carolin Vikoler | Musik: Uwe Felchle | Regieassistenz: Sybil Amber | Set: Markus Liszt | Ton: Michael Winkler | Licht: Joe Albrecht | Video & Animation: Bernhard Mrak, Patrick Bongola | gefördert von Wien Kultur

 

Die unerträgliche Leichtigkeit der politischen Schwerkraft…

…sinnfrei und inhalts-schwanger, wie die Russin, die ihr Kind erst gebären wird, wenn die Welt eine bessere ist. Aber wann wird dieser Zeitpunkt kommen? Das fragt sich auch das identitäre Chamäleon, das sich in einer Kiste durch die Jahrtausende schickt und immer zur falschen Zeit am falschen Ort mit der falschen Haarfarbe auftaucht.

Die beiden Zwillinge, deren Sozialarbeiter Süleyman wirklich sein Bestes tut, um sie in die normale Gesellschaft zu integrieren, können sich nur wundern über den ver-rückten Zulauf in ihrer WG. Zu allem Übel taucht auch noch der dunkle 481. Flüchtling auf, der aus Traiskirchen rauschgeschmissen wurde, weil er einer zu viel war. Durch die Erfahrungen während ihres Sozialisationsprozesses wollten Edmund und Edwin sich einfach nur in ihre Star Trek-Welt zurückziehen, in der alle Kulturen friedlich zusammen leben. Aber die Krankheit Menschheit ergreift immer mehr Macht über ihre Wohnung und ein Streit zwischen den beiden untrennbaren Zwillingen bricht aus. Hat diese WG eine Zukunft? Zu Beginn sehen wir kurz – was bisher geschah: Die seltsamen Zwillinge Edmund und Edwin erhielten den Freibrief an einem begleiteten Wohnprogramm in Wien teilzunehmen. So verlassen sie ihren Anstaltsplatz in Vorarlberg, aber die Erfahrungen im “normalen” Leben lassen sie fragen: Und uns haben sie eingesperrt? Wer zieht die Grenze zwischen normal und verrückt?

Der Sozialarbeiter Süleyman versucht die beiden Zwillinge in die normale Gesellschaft zu integrieren und ist zu diesem Zweck gleich in die Wohnung miteingezogen. Ebenso wie seine neue immer-schwangere Freundin: die Russin, die ihr Kind erst gebären wird, wenn die Welt eine bessere geworden ist. In Teil zwei bekommt die seltsam zusammengesetzte Wohngemeinschaft Zuwachs: Vom 481. Flüchtling aus Traiskirchen, der laut Innenministerin Fekter einer zu viel ist und der vor diversen Geheimdiensten der Welt flüchtet, weil er ein “Axiom” entwickelt hat, welches mithilfe der durch menschliche Körper fließenden Energie die gesamten Kriege um Energiereserven sinnlos macht und zusätzlich einen der Grundpfeiler des Kapitalismus absägt. Das tausende Jahre alte Chamäleon der Geschichte erscheint in der Kiste und erzählt von ihren diversen Identitäten, mit denen sie immer an falschen Orten zu den falschen Zeiten gelandet ist, jetzt fürchtet sie als eine mittellose Griechin oder sogar eine Muslimin in Österreich gelandet zu sein. Und zwei Krankenpflegerinnen aus Vorarlberg verfolgen die beiden vermeintlichen Patienten nach Wien, um ihren Sozialisationsprozess zu überwachen.

“Diese Wohnung wird immer schräger!” Die Zwillinge versuchen sich mit Mühlespielen gegen die Einflüsse von außen ihr geordnetes, beschränktes Weltbild zu erhalten. Wenn es ihnen zu bunt wird, kommentieren sie die Verhältnisse mit ihrem eigens für das D-ORF entwickelten Format “Zweit im Bild”. Aber auch die Idylle der beiden unzertrennlichen Zwillingen ist nicht resistent gegen die Wirklichkeit: Zwischen Edmund und Edwin bricht ein Streit aus. Hat dieser Mikrokosmos der Vielheit eine Chance zusammenzuhalten?

 

“Also wer sind denn hier die Verrückten?” Hin und wieder kommt Edmund und Edwin diese Frage aus. Von der Story her sind die beiden aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen und stehen in einer Wohngemeinschaft unter Beobachtung. Aber das, was “der Rest der Welt” für normal hält, kommt – nicht nur – ihnen viel abwegiger, verrückter vor. Die Grundgeschichte zog sich schon durch “Kultur mich doch am Arsch” des Theaters daskunst. In der nunmehrigen jüngsten Produktion dieses bunten Kulturprojekts konzentrieren sich die über weite Strecken in Manier absurden Theaters “gestrickten” Szenen stark aufs politische Geschehen. Mit immer wieder aktuellsten Bezügen. So taucht als Nummer 481 in der WG auch ein Flüchtling aus Traiskirchen auf, “einer zu viel”, wie die Innenministerin meint. Und wird verfolgt, weil er die Idee verfolgt, alle Kriege um speziell um Energiequellen seien unnötig. Sein “Axiom”: Lediglich die Energieflüsse durch unsere Körper würde ausreichen. Wie verrückt klingt das denn? Aber ist es nicht … Noch wahnsinniger, einen Menschen wegen dieser seiner These, ob richtig oder falsch, zu verfolgen, ihn zur Flucht zu drängen und ihn dann noch dazu als einen zu viel zu betrachten? Wie “normal” ist’s denn, aus einem Land, das unter einem eklatanten Mangel an Krankenpflegepersonal leidet, eine potenzielle Krankenschwester auszuweisen, nur weil ihr Vater vor zehn Jahren vielleicht einen falschen Asylantrag gestellt hat? Ins Absurde überhöht, hält “Politik mich doch am Arsch” (“Nicht solche Kraftausdrücke, Politik sagt man doch nicht!”) der Wirklichkeit/den Wirklichkeiten viele Zerrspiegel vor. Und weil dies so ist, will das Baby einer anonymen Russin auch so lange nicht geboren werden, der Sozialarbeiter stürzt sich aus dem Fenster und seine (menschliche?) Festplatte muss rebootet werden und im zweiten Teil taucht ein chamäleonartiges Wesen in immer neuen Gestalten auf – praktisch immer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, wie die “verschuldete Griechin jetzt in Europa” oder gar als Muslima in Österreich …
(KURIER, 2. Juli 2010, Heinz Wagner)