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| WER IST WIR? PODIUMSDISKUSSION (Vida Bakondy, Gamze Ongan)

| FLUG.PUNKT PUBLIKUMSDISKUSSION (Carolin Vikoler)


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WER IST WIR?

Abbildung postmigrantischer Identitäten in der österr. Kultur & Gesellschaft:


So komplex der Untertitel zur Podiumsdiskussion zum österreichischen Nationalfeiertag "Wer ist wir?" klang, umso erfrischender waren die Antworten der Gäste auf die erste Frage nach dem jeweiligen individuellen "Wir". So erzählte der Religionspädagoge Ednan Aslan, er habe vor der Diskussion seine Frau gefragt, wer "wir" sei. Ihre prompte Antwort: "Du und ich, das sind wir."

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Zur Auftaktveranstaltung der "Projektreihe postmigrantischer Positionen: PIMP MY INTEGRATION" waren neben Ednan Aslan die Kultur und Sozialanthropologin Sabine Strasser, der Migrationsforscher Erol Yıldız, die Journalistin Olivera Stajić sowie der Generaldirektor der RLB NÖ-Wien Georg Kraft-Kinz geladen, um unter der Leitung von Hikmet Kayahan über die Konstrukte "Wir" und "Ihr" zu diskutieren.

So unterschiedlich die Antworten auf die einleitende Frage "Wie definieren Sie Ihr persönliches Wir?" ausfielen, gemeinsam war ihnen der Verweis auf den prozesshaften Charakter der "Wir"-Bildung, Stichwort: "under construction".

Der Kölner Bildungswissenschafter Erol Yıldız, der seit 2008 an der Klagenfurter Alpen-Adria-Universität lehrt, setzt sein persönliches "Wir" einer vertrauten Struktur gleich, die ihm woanders fehlt. Die Frage nach dem "Wir" sei aber eine ausschließlich westeuropäische Frage, ja eine Luxusdebatte. Das "Wir" der Universitätsprofessorin Sabine Strasser hingegen besteht in einer "parafamiliären Amikalgemeinschaft", vereint durch die vielen Neins gegenüber normativen Strukturen wie Nation, Ehe oder Familie. Ähnlich Olivera Stajić, Redaktionsleiterin bei dastandard.at, online-Ausgabe der Tageszeitung Der Standard. Stajić hegt eine große Abwehr gegen ein fixes "Wir". Das bringe nur Schwierigkeiten mit sich, sei es doch eng mit Konzepten wie Nation, Herkunft und Religion verknüpft. Ednan Aslan weist auf die Vielfältigkeit der "Wirs" in verschiedenen Lebenssituationen hin. Zu manchen davon werde er verpflichtet, etwa "Türke" oder "Moslem", andere wähle er selber.


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Geschichte neu schreiben:

Postmigrantisches Theater, postmigrantische Kulturarbeit oder wie sich die Projektreihe von Garage X und daskunst nennt: Postmigrantische Positionen. Der Begriff hat seit einigen Jahren vor allem in Deutschland Hochkonjunktur. Aber was bedeutet postmigrantisch? Erol Yıldız, der diesen Begriff im wissenschaftlichen Kontext geprägt hat, versteht darunter zunächst eine veränderte Perspektive auf die hegemoniale Geschichtsschreibung. Das Potential postmigrantischer Positionen liege etwa im Neuerzählen von der Geschichte der "Gastarbeit", das mit Mythen aufräumt und bisher unbekannte Aspekte beleuchtet. Postmigrantisch beziehe sich aber auch auf die Bezeichnung der sogenannten Zweiten und Dritten Generation, die – obwohl oft selbst ohne Migrationserfahrung – im öffentlichen Diskurs zum "Migranten" gemacht werden. Indem diese Gruppe die äußeren Zuschreibungen ablehnt, oder aber übernimmt und politisch besetzt, entwickelt sie sich zu einem postmigrantischem "Wir" – zutiefst politisch, weil herrschaftskritisch und somit eine politische Antwort auf hegemoniale Diskurse.


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Den Islam gibt es nicht:

Die Diskussion um "Wir"-Konstruktionen und nationale Mythen ist nicht nur in Österreich eng verknüpft mit Grenzziehungen gegenüber dem Islam bzw. muslimischen Gesellschaftsgruppen, im Volksmund "die Parallelgesellschaft". Die immer wieder konstatierte Isolation sei jedoch nicht über Nacht entstanden, so Ednan Aslan, sondern sei eine Notlösung aufgrund der 50jährigen Ignoranz von Seiten der Mehrheitsgesellschaft gewesen. "Aber aus dieser Isolation ist ein Geschäft geworden, die nun von einer kleinen Minderheit verteidigt wird. Da steckt nicht nur Ideologie sondern auch Wirtschaft dahinter." Als Beispiel dazu nennt Aslan u. a. die "Halal"-Geschäfte, die nach islamischen Vorschriften hergestellte Produkte anbieten.

Keine Religion sei fertig, so gäbe es auch weder den Islam, noch die muslimische Einheit. Auch in Wien nicht. So würden lediglich 15 Prozent der österreichischen Muslime die Religion praktizieren. "Eine Religion wird aus dem Kontext heraus geprägt, daher ist auch ein europäischer Islam möglich." Es sei gefährlich für Muslime in Europa, wenn sie diese Prägung nicht selbst gestalten, sondern zu ihr verpflichtet werden würden. Zudem betont Aslan selbstreflexiv, dass er selbst seine Religion täglich neu definieren müsse. Etwa wenn sich junge gläubige Homosexuelle mit Fragen an ihn wenden. Homosexualität und Religion, ein Thema, das auch Aslan "neu betrachten muss".


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Grenzziehungen hier und da:

Sabine Strasser weiß vom hartnäckigen Bestand von Grenzziehungen vor allem im ländlichen Raum zu erzählen. Hier grenzen sich MigrantInnen von der Mehrheitsgesellschaft ab, weil sie etwa den teilweise exzessiven Alkoholkonsum der Jugendlichen nicht gutheißen. Und umgekehrt werden sie von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, weil die muslimischen Jungs nach dem gemeinsamen Fußballspiel nicht mit auf ein Bier gehen. "Anti-essentialistische Konzepte helfen mir nicht, wenn in der Praxis Grenzziehungen gezogen werden". Hierzu sei vielmehr die Veränderung einer Politik unabdingbar, die ständig diese Grenzziehungen fördere. Ebenso wichtig sei permanentes Vermitteln als alltägliche Praxis, wie sie von NGOs und der Sozialarbeit geleistet wird.

Förderung des Dialoges ist für Georg Kraft-Kinz ebenso unerlässlich, ja sogar die Lösung. Österreich sei im 20. Jahrhundert von einer Geschichte des "Wir"-Scheiterns geprägt gewesen, aus dem resultiere auch ein verklärender Blick auf die Vergangenheit. Hinzu komme eine weit verbreitete materielle Angst „einer verängstigten Gesellschaft in einem Land, das sicher ist“. Dass hinter der Forderung nach mehr Dialog ein wirtschaftlicher Nutzen steckt, unterstreicht der Obmann des 2009 gegründeten Vereins Wirtschaft für Integration: "Der größte wachsende Markt ist der migrantische. Für die Wirtschaft ist es eine Überlebensfrage."


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Eine ganz andere Parallelgesellschaft:

Die österreichische Medienlandschaft ist eine konservative Parallelgesellschaft, so Olivera Stajić, und noch lange nicht postmigrantisch. Die Schaffung von dastandard.at, in deren Redaktion ausschließlich NachwuchsjournalistInnen mit Migrationsbiografien tätig sind, sei daher ein bewusster Akt gewesen: "Wenn beim Der Standard nur ein paar Leute mit komischen Namen wie ich schreiben würden, wäre das nicht weiter aufgefallen." Dastandard.at hingegen verfüge über die mediale Aufmerksamkeit, die fünf freie MitarbeiterInnen in der Printausgabe nie erreicht hätten. Für Stajić ist dastandard.at modellhaft auch für ein postmigrantisches Theater: "Sich zusammenschließen und geballt auftreten um aufzufallen. Nur wenn Migrantinnen besser sind als alle anderen, werden sie es schaffen."

Gerade an dieser Frage entwickelte sich im anschließenden Publikumsgespräch die kontroversiell geführte Debatte um eine der Hauptfragen von "Pimp My Integration": Braucht man den Umweg der speziellen Schublade für MigrantInnen, bevor sie die hegemonialen Räume betreten – ob in den Medien oder in einem postmigrantischen Theater? Oder kann nicht der Schritt der essentialistischen Verortung übersprungen und die sofortige Öffnung aller Institutionen vor dem Hintergrund der veränderten Bevölkerungszusammensetzung eingefordert werden? In den folgenden Diskussionsveranstaltungen der Projektreihe ist mit spannenden Antworten zu rechnen.

Vida Bakondy / Gamze Ongan


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