PIMP MY INTEGRATION

Projektreihe Postmigrantischer Positionen (2011-2012) – Eine Kooperation von Garage X und daskunst

 

 

Hofburg und Belvedere, Staatsoper und Burgtheater, Stephansdom und Pratergarten – wenige Metropolen sind so reich an Zeugnissen einer glanzvollen Vergangenheit wie Wien. Einer Vergangenheit, deren Glitzern zuweilen den scharfen Blick auf die Geschichte trübt und deren machtvolle Präsenz Diskurse über gegenwärtige und künftige gesellschaftliche Herausforderungen oftmals erschwert. Dies gilt auch und insbesondere für die Gegenwart einer Stadt wie Wien, deren kulturelles Erbe signifikant durch den Einfluss von Migration und mithin durch kulturellen Austausch geprägt ist. Doch migrantische Realität spiegelt sich kaum im öffentlichen und kulturellen Leben der Stadt, deren bürgerliche Repräsentationskultur sich zumeist auf die Pflege des bekannten kanonischen Kulturrepertoires konzentriert. Das Update der Wirklichkeitswahrnehmung und die Partizipation bleiben auf Kosten wiederholter Selbstbestätigung außen vor. Dabei geht es nicht etwa um die romantisierende Pflege folkloristischen Brauchtums, es geht sowohl um demokratische Beteiligung und gesellschaftliches Zusammenleben als auch um die Vitalisierung jeglichen kulturellen Repertoires. Es geht gleichermaßen darum, Ausgrenzung einzelner Menschen und gesellschaftlicher Gruppen zu verhindern und neue kulturelle Impulse zu ermöglichen. Es geht um die Untersuchung kollektiver Identitäten und um die Grundlagen neuer, emanzipativer Visionen einer künftigen gesellschaftlichen Ordnung. Es geht um das Auflösen der Dichotomie von Wir und Sie und um die gemeinsame Zukunft.

Die Projektreihe startet Ende Oktober unter dem Titel “Pimp My Integration” und versammelt unterschiedliche künstlerische Positionen, die migrantische und postmigrantische Erfahrungen untersuchen, sowie Arbeiten, die die aktuelle gesellschaftliche Wirklichkeit in den Vordergrund stellen. Von 25. Oktober bis 30. November sowie vom 18. Jänner bis 10. Februar gelangen bedeutende internationale Theaterproduktionen, darunter u.a. vom Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße (“Schnee”) und vom Heimathafen Neukölln in Berlin (“Arabboy”) zur Aufführung. Heimische Ur- und Erstaufführungen wie z.B. “Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat & Jens Hillje (Regie: Volker Schmidt) stehen ebenso auf dem Programm wie Wiederaufnahmen bereits erfolgreich gelaufener Stücke , u.a. “Unfun”, eine Produktion der Garage X, “Wiener Blut” oder “Wie Branka sich nach oben putzte” von der Theatergruppe daskunst. Deren Leiterinnen Aslı Kışlal und Carolin Vikoler bilden gemeinsam mit den beiden Direktoren der Garage X, Ali M. Abdullah und Harald Posch auch gleichzeitig das KuratorInnen-Team für den postmigrantischen Schwerpunkt.

Ein Rahmenprogramm wird die Projektreihe ergänzen: musikalische Liveacts, Stand Up Comedies, sowie Filmvorführungen und Diskussionsrunden mit österreichischen und internationalen Experten, darunter u.a. Mark Terkessidis (Journalist, Autor und Migrationsforscher), Sabine Strasser (Universitätsprofessorin für Kultur- und Sozialanthropologie Wien), Erol Yildiz (Soziologe und Autor), Azadeh Sharifi (Theaterwissenschaftlerin), Nurkan Erpulat (Theaterregisseur und Autor), uvm. rücken das Thema und die und die identitären Verortungen der (postmigrantischen) Gesellschaft in den Mittelpunkt. Laut Statistik Austria aus dem Jahre 2010 hat beinahe jeder fünfte Einwohner Österreichs einen migrantischen Hintergrund. In Kunst- und Kulturinstitutionen wird das Selbstverständnis einer Bevölkerung verarbeitet – aber inwiefern hat der Mainstream und ein Großteil des stattfindenden Programms noch etwas mit unserer vielfältigen Gesellschaft zu tun? Am Sprechtheater findet Migration nach wie vor nur als Marginalie statt, da es die gesellschaftlichen Veränderungen zu langsam reinlässt.

Im Labor der postmigrantischen Positionen werden in den nächsten Wochen Möglichkeiten einer Öffnung des Kunst- und Kulturbereichs diskutiert, damit die Wirklichkeit nicht länger verschlafen wird. Nicht nur in anlassbezogenen Projekten sollen migrantische KünstlerInnen das kulturelle Stadtbild mitprägen, sondern vielmehr nachhaltig in der Szene Fuß fassen können. Mit der Projektreihe “Pimp my Integration” wollen wir der demographischen Entwicklung Rechnung tragen und den gläsernen Plafond der großen Kulturinstitutionen für migrantische Künstler durchbrechen. Die Ausschlussmechanismen funktionieren, reaktionäre politische Ansagen von Leitkultur und Fremdheit wirken auch für große Kulturinstitutionen als Vorhängeschloss. Gerade Kunst- und Kulturinstititionen jedoch können dem Alltagsrassismus Diversität entgegensetzen, damit das Bild von Österreich die Wirklichkeit einholt. Dafür allerdings müssen sich die Institutionen öffnen.

 

PRODUKTIONEN 2011:

ARABBOY (Heimathafen Neukölln) | WER IST WIR? (Podiumsdikussion) | ES WAR EINMAL DAS KIND (4ontheFloor) | UNFUN (Garage X) | DERWISCH ERZÄHLT (Interkult Theater) | WIENER BLUT (Theater SHOWinisten/daskunst) | FLUG.PUNKT (Cocon Kultur) | ZWISCHEN DEN PALÄSTEN (Forum Arabicum) | LUST AUF WAS ANDERES (Aeneki Berlin) | AUSGEHEN (Barbi Markovic) | ZEIT.GESCHICHTEN (Brunnenpassage) | MIGRANT/INNEN SPIELEN AUF SPRECHBÜHNEN KEINE ROLLE (Podiumsdiskussion) | SCHREIBEN ZWISCHEN DEN KULTUREN (Edition Exil) | LOST IN MIGRATION (Wiener Wortstätten) | KUNST, KULTUR UND THEATER FÜR ALLE (Iodo)

 

PRODUKTIONEN 2012:

VERRÜCKTES BLUT (New Space Company) | HEIMAT BIST DU GROSSER DÖNER (Stand-Up-Comedy) | SCHMUTZ DER ZEIT (Kulturverein Transport) | KUNST ALS LÖSUNG (Podiumsdiskussion) | DIE 12 GESCHWORENEN (Theaterhaus Stuttgart) | WIE BRANKA SICH NACH OBEN PUTZTE (daskunst) | CAMEO AUFTRITT (Podiumsdiskussion) | FILMSCREENINGS (Umut Dağ, Hüseyin Tabak, Arash T. Riahi) | SCHNEE (Ballhaus Naunynstrasse) | INTEGRATION ALS IMPERATIV (Podiumsdiskussion)

 
 

Team Garage X: Künstlerische Leitung: Ali M. Abdullah, Harald Posch | Dramaturgie: Lukas Franke, Hannah Lioba Egenolf | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Petra Reichenberger (pr kompakt) | Produktion, Rechnungswesen: Silke Eisenmann | Produktion: Catrin Arming | Technische Leitung: Harald Godula | Technik: Emil Schmutzenhofer, Sebastian Hartl, Markus Zirps | Haustechnik: Wilhelm Bachmann | Ticketing: Manuel Gapp | Fotografie: Yasmina Haddad | Video: Stephan Richter | Gastronomie: Jürgen Bauer | Reinigung: Ljuba Perić | Hospitanz: Vanessa Wilcke
 
Team daskunst: Künstlerische Leitung: Aslı Kışlal | Dramaturgie: Carolin Vikoler | Produktionsassistenz: Berk Kristal | KünstlerInnenbetreuung: Eri Bakali, Dorothee Joss, Susanne Rietz, Alev Irmak | Videoteam: Patrick Topoke Bongola, Markus Liszt, Bernhard Mrak